MoRaH – Eine Reise in die Zeit des Holocaust

Morah 2013Sicher werden sich viele fragen, ob man wirklich fast neun Stunden nach Polen fahren muss, nur um sich das KZ Auschwitz anzusehen. Ja – es muss sein. Diese Reise, so seltsam es auch klingt, hat mein Leben verändert. Ich sehe mit wachsender Sorge, wie die Zeit, in der Tausende von unschuldigen Menschen den Tod fanden, immer mehr verharmlost wird und wie sogar unter Jugendlichen Witze darüber gemacht werden. 

Bestimmte Geschichten, die ich in Auschwitz und in Krakau zu hören bekam, werde ich genauso wenig vergessen können wie den geflochtene Zopf, der in dem Berg von Haaren noch deutlich erkennbar war. Denn die Nazis haben die Gefangenen geschoren, um die Haare mit Baumwolle zu Stoff zu verarbeiten.

Morden ist die eine Sache, aber ich frage mich doch immer wieder, wie manche Menschen nur so grausam zu anderen Menschen sein können. Die Gefangenen wurden nicht nur zu Unrecht getötet, sondern es wurde ihnen als Lebende sowie als Tote auch noch jede Ehre und jeder Stolz genommen.

Zu einer Geschichte sehe ich deutlich ein Bild vor meinem Augen: ein kleiner Junge wurde gezwungen seinen eigenen Kot zu essen, da er Durchfall hatte, danach erschoss ihn der Lagerkommandant. Ich sehe also diesen kleinen Jungen vor mir, vielleicht sieben Jahre alt, in seinem gestreiften Gewand und barfuß. Sein Kopf ist kahlgeschoren und er ist dreckig und verweint, aber es ist endlich vorbei, und eine Frau, vielleicht seine Mutter, hebt ihn auf und nimmt ihn mit ins Licht. Um solche Geschichten auszuhalten, habe ich mir immer vorgestellt, dass es für diese Menschen wirklich eine Erlösung war, als sie starben und dass sie jetzt auf eine bunten Blumenwiese unter einen Baum sitzen und nach dem Tod das Leben führen dürfen, das ihnen auf der Erde verwehrt wurde.

Morah 2013Durch das Lager I in Auschwitz ging ich wie in Watte gepackt. Anders, glaube ich, hält man all diese Eindrücke gar nicht aus. Da sind noch die Koffer von Ermordeten, die glaubten, sie würden ihr Hab und Gut wiederbekommen. Mit Kreide haben sie Namen, Anschrift und Geburtsdatum darauf geschrieben.

Aber auch die Bilder, die von jedem Gefangenem gemacht wurde, ließen mich nicht kalt. Ich sah mir einige näher an und rechnete mir aus, wie alt sie waren als sie starben. Da waren junge Männer und Frauen wie auch ältere. Manche wirken schon ganz verwirrt und ängstlich und hatten ihr Leben vermutlich schon aufgegeben, während andere noch voller Stolz, aufrecht dastehen und fast etwas aufmüpfig in die Kamera blicken. Diese Menschen hatten sich noch nicht aufgegeben und wollten sich von den Nazis nicht auch noch ihren letzten Stolz nehmen lassen. Aber es macht keinen Unterschied, wie sie schauten, schließlich wurden sie alle ermordet. Es ist kaum fassbar und auch jetzt nachdem ich schon länger wieder zu Hause bin, kann ich noch immer nicht ganz begreifen, was dort in Auschwitz vor über siebzig Jahren geschehen ist.

Dieses Gefühl der Ohnmacht, dass ich nichts mehr ändern kann und dass ich auch damals nichts hätte ändern können, ließ mich die ganzen drei Tage nicht los. Und am liebsten würde ich die Geschichte gar nicht akzeptieren, sondern alle Ermordeten wieder auferstehen lassen.

Besonders bedrückte mich, dass Marco Feingold, ein 99jähriger jüdischer Zeitzeuge, der uns eindrucksvoll über sein Leben berichtete, seinen Bruder im KZ verlor. Bei seinen Erzählungen war deutlich herauszuhören, dass sein Bruder für ihn eine sehr wichtige Person im Leben war. Seiner Schwester konnte er nie ganz verzeihen, dass sie ihm in ihren Briefen schrieb, es gehe seinem Bruder gut, dabei war dieser schon lange tot. Aber auch seine Schwester überlebte den Krieg nicht.

Auch wenn es schwer ist, das Gesehene und Gehörte zu verarbeiten, kann ich nur jedem, der die Chance hat, nach Auschwitz zu fahren, raten, es zu tun. Es ist mehr als nur eine Erfahrung fürs Leben, und so viel lernt man in keinem Geschichtsunterricht über dieses Thema.

Veronika Mayrhofer, IV E